Archiv für Juni 2008

Northanger Abbey

Northanger Abbey ist anders als die anderen Werke Austens. Der Ton ist leichter und das Thema ist ebenfalls weniger anspruchsvoll. Hier gibt es keine großen moralischen Fragen, wie in Pride and Prejudice, Sense and Sensibility oder Persuasion. Vielmehr gibt es Ironie und einfache Liebe. Die Hauptfigur Catherine Morland ist alles andere als eine Heroine. Obwohl ihr Charakter und ihre Gesinnung im Laufe der ersten Kapitel sich deutlich verbessern, erreicht sie nie die Höhe einer Emma Woodhouse oder einer Elizabeth Bennet. Sie bleibt einfach und natürlich und kann weder die Konventionen der eleganten Gesellschaft noch den wirklichen Wert ihrer Freunde verstehen. Sie vertraut allen und befindet sich deswegen oft in Schwierigkeiten. Ihre Leidenschaft für gotische Romane und das Ausmaß, in dem sie ihre Phantasie beherrschen, zeugen von der Einfachheit ihres Geistes.
Catherine verbringt einige Wochen in Bath als Gast von Mr. und Mrs. Allen, die keine Kinder haben und sich über die Gesellschaft ihrer jungen Freundin freuen. Dort lernt Catherine die Familie Thorpe kennen. Mit Isabella Thorpe schließt sie sofort eine enge Freundschaft und ebenso schnell wird sie die Liebling von dem jungen Mr. Thorpe. Während Catherine die Beziehung zu Isabella sehr hoch schätzt, kann sie bald ihren arroganten und egozentrischen Bruder nicht mehr leiden. Ihre Unduldsamkeit ihm gegenüber verstärkt sich, wenn Catherine den jungen Henry Tilney kennen lernt. Die unverschämte Art und Weise, in der John Thorpe versucht, Catherine von ihrem beliebten Tilney fern zu halten, kann nichts gegen die immer enger werdende Beziehung zwischen Tilneys Schwester, Eleanor, und Catherine. Obwohl Catherine sich sehr freut, dass ihr Bruder James sich mit Isabella Thorpe verlobt hat, kommt ihre wahre Freude von einer Einladung zu Northanger Abbey bei der Familie Tilney. Neben der Möglichkeit, Zeit mit ihrem Henry zu verbringen, ist die reine Tatsache, dass Northanger eine Abbey ist, und nicht ein House, Park oder Mansion, ein Grund der Ekstase für Catherine. Sie stellt sich ein Gebäude vor, das alle Merkmale derjenigen hat, die sie von ihren gotischen Romanen kennt, also geheimnisvoll, gefährlich, baufällig und reich an alten Geschichten. Ihre Enttäuschung bei ihrer Ankunft hindert sie nicht daran, ein vermeintliches Geheimnis in dem Leben von Henrys Vater, General Tilney, und besonders in dem frühen Tod seiner Frau lüften zu wollen. Erst ein Gespräch mit Henry kann Catherine zurück zur Rationalität bringen. Am Ende erweist sich aber, dass General Tilney kein guter Mensch ist, obwohl er doch seine Frau nicht umgebracht hat. Catherine wird von der Abbey ohne Zeremonie und ohne Erklärungen zurückgewiesen. Ein Besuch von Henry Tilney macht alles wieder gut, sogar besser als sie erwartet hatte, und der Roman endet mit der üblichen Hochzeit.
Besonders lustig wird die Figur von John Thorpe, einmal dass man das Ende des Romans kennt, weil Vieles erst durch die Erzählung von Henry dem Leser und Catherine bekannt wird. Man lacht „weiter“, auch wenn man das Buch schon geschlossen hat.

L.O.

Die Rückkehr des Kaimans

Nicht viele Deutsche, ich glaube, kümmern sich um die italienische Politik, besonders wenn sie sich um die italienische Fußballmannschaft kümmern müssen. Dagegen möchten die Italiener sich nur um ihre Fußballmannschaft kümmern müssen, weil ihr Land mittlerweile zugrunde geht. Seit zwei Monaten haben wir einen neuen Premierminister und schon ist das Land kaum erkennbar, und nicht im guten Sinne. Das Problem der Müllentsorgung in Neapel wird durch ein paar neue Mülldeponien gelöst, die von bewaffneten Soldaten bewacht werden. Nach Italien einzuwandern, weil man im eigenen Land nichts zum essen hat, ist eine Straftat geworden. Statt von erneuerbaren Energien, die die Erde schonen, investieren wir in Atomkraftwerke, in der Hoffnung, dass sie nicht explodieren.
Aber erst jetzt ist die neue Regierung wieder als die Fortsetzung derjenigen erkennbar, die als einzige in der Geschichte der italienischen Republik nicht vorzeitig gefallen ist. Die Sache ist, dass die Justiz in Italien viel zu langsam ist und manchmal Jahre notwendig sind, um in einem Prozess zu einem Urteil zu kommen. Zum Glück hat unserer neue Regierungschef eine Idee gehabt: die Regierung vorbereitet eine Liste der wichtigen Prozesse, die sofort durchgeführt werden müssen, und die anderen können warten. Es ist bestimmt ein Zufall, dass ein Verfahren gegen den Premierminister selbst zu dieser zweiten Kategorie gehört. Eigentlich ist es nichts Wichtiges: es geht nur um Bestechung in einem Prozess. Viel schlimmer ist der Versuch von einigen „roten“ Justizbeamten, ihn zu blamieren, so dass er im Jahre 2013 nicht als Staatspräsident gewählt werden kann. Klar, immer wenn er zuerst eine schöne Reform durchsetzen kann, die Italien zu einer Präsidialrepublik macht.
Straffreiheit des Premierministers und Soldatenpatrouillen auf den Strassen… das ist doch schon irgendwann passiert, oder?

L.O.

Persuasion

Die Kraft und die Zulässigkeit der Überredung sind das Hauptthema von Persuasion. In welchen Fällen ist es erlaubt, sogar notwendig, jemanden zu überreden? Wer jemanden von etwas überzeugt oder abbringt, soll sich bewusst sein, dass davon eine Verantwortung kommt, der man nicht ausweichen kann.
Hauptfigur von Persuasion ist Anne Elliott, die zweite, schon 26-jährige Tochter eines aufgeblasenen, selbstgefälligen Gentlemans. Die Vorliebe des Vaters genießt Annes ältere Schwester Elizabeth, weil sie die erste und die schönste ist. Die jüngste Schwester, Mary, hat ebenfalls einen wichtigen Vorsprung, in dem sie einen ziemlich reichen Mann geheiratet hat. Anne wird dagegen nicht als ein gleichberechtigtes Mitglied ihrer Familie betrachtet, obwohl sie von der Familie ihres Schwagers und vor allem von der Freundin ihrer Familie, Lady Russell, geschätzt und herzlich geliebt wird. Für Anne ist die Blütezeit schon vergangen und ihr Verstand, Besonnenheit und Empfindlichkeit können in den Augen vieler nicht ihre Temperamentlosigkeit und die mangelhafte Jugendfrische ausgleichen. Doch wird es bald klar, dass etwas mit Anne nicht stimmt. Man kann eine moralische Kraft in ihr entdecken, die nur aus einer persönlichen Erfahrung stammen kann, die wiederum für ihren aktuellen Zustand verantwortlich ist. Der Grund ihrer Unglücklichkeit liegt nämlich in der Lösung einer geheimen Verlobung mit einem jungen Mann, die von Annes Familie und besonders von Lady Russell als unratsam betrachtet wurde, weil er Anne keine ökonomische Sicherheit anbieten konnte. Das alles wird erst klar, als der ehemalige Verlobte, Captain Wenthworth, als Bekannte der Familie von Annes Schwager wieder auftaucht.
Acht Jahre sind vergangen aber Anne merkt bald, dass ihre alten Gefühle immer stärker werden, bis es ihr klar wird, dass sie ihn immer noch liebt. Er dagegen scheint sich für eine Schwester von Annes Schwager zu interessieren. Er verliert keine Gelegenheit, um den entschiedenen, konstanten und unbeeinflussbaren Charakter dieses Mädchens zu loben. Die ständige Kritik ist nur für Anne zu verstehen, weil es nur den beiden bekannt ist, dass sie die Verlobung wegen des Druckes von Lady Russell gelöst hat. Niemand merkt Annes Leiden und ihren Versuch, zu akzeptieren, dass er eine andere liebt und wahrscheinlich heiraten wird, weil er jetzt reich und angesehen ist.
Anne zieht mit ihrer Familie nach Bath, wo aber nach einiger Zeit auch Captain Wenthworth erscheint, zusammen mit der Familie des Mädchens, die er angeblich liebt. Aber bald wird es bekannt, dass sie mit einem anderen verlobt ist. Der Leser kann jetzt nur Furcht und Mitleid mit Anne haben, deren Freude oder Verzweiflung an jeder winzigen Änderung von Wenthworths Verhalten hängt. Man fürchtet, dass die vermeintliche Höflichkeit, mit der sich Wenthworth jetzt an Anne wendet, nur ein Produkt ihrer Vorstellungskraft ist und die Ursache weiteren Leidens sein wird. Aber, wie es oft in Austens Bücher passiert, kommt die Lösung von selber. Die Szene ist einfach wunderschön. Anne steht am Fenster und redet mit einem Freund von Wenthworth, Captain Harville. Wenthworth sitzt an einem Tisch am anderen Ende des Zimmers und schreibt einen geschäftlichen Brief. Sie ist sicher, dass er zu weit ist, um ihr Gespräch zu hören. Das Thema des Gesprächs ist die Konstanz in der Liebe. Anne vertritt die Meinung, dass es in der Natur der Frauen ist, länger und konstanter zu lieben, besonders wenn die Hoffnung auf das Liebesglück wegen einer endgültigen Trennung oder des Todes des Geliebten nicht mehr besteht. Sie verrät nicht das Geheimnis ihrer gelösten Verlobung, aber spricht mit einer Überzeugung, die Wenthworth -der natürlich doch alles hören kann- genügt, um ihre wahren Gefühle zu verstehen. Plötzlich verlässt er das Zimmer aber lässt den Brief auf dem Tisch, wo Anne ihn findet. Während alle geglaubt haben, dass er einen geschäftlichen Brief schrieb, hat er eigentlich das Gespräch von Anne mit Harville zugehört und zu jedem ihrer Sätze geantwortet. Das Resultat ist eine der schönsten Liebeserklärung, die ich je gelesen habe.

L.O.


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