Emma

Jane Austen hat die Begabung, ihre heutigen Leser langsam in eine ihnen fremde und unbekannte Welt so tief eindringen zu lassen, dass sie sich bald nicht mehr befreien können. Wer sich von der altmodischen und manchmal komplizierten Sprache (die keine Übersetzung vereinfachen darf) und von der anfänglichen Langsamkeit des Plots nicht erschrecken lässt, wird im Laufe der Lektüre in eine Zeit zurückgebracht, die man nie wirklich erlebt hat, aber nichtsdestotrotz Wirklichkeit wird. Mit wenigen, gut ausgewählten Worten kann Austen ihren Hauptfiguren einen sehr lebendigen Charakter geben, der sie für uns unvergesslich macht. Die sekundären Figuren werden ebenfalls scharf gezeichnet. Wenige Autoren in der Geschichte der Literatur konnten die Verwandlungen der menschlichen Seelen in dem Moment ihres Geschehens so genau darstellen und die Gründe des menschlichen Verhaltens so deutlich offenbaren. Es ist diese Fähigkeit, zusammen mit der ironischen Genauigkeit, mit der Austen die Gesellschaft ihrer Zeit porträtiert, die aus ihrem Werk einen Klassiker macht.
„Emma“ fehlt keine dieser Eigenschaften. Sie ist das zweite verwöhnte Mädchen eines hypochondrischen alten Gentlemans, die nach dem Tode ihres Mutters und der Hochzeit ihrer älteren Schwester das Haus seines Vaters regiert. Sie ist klug, gebildet und von ihrer Zugehörigkeit zu einer höheren Klasse sehr bewusst. In ihrem sozialen Umfeld hat sie kaum einen Gleichgestellten, deswegen ist sie entschlossen, nie zu heiraten, und es als ihr Recht und Pflicht empfindet, ihren unglücklicheren (und niedrigeren) Mitmenschen behilflich zu sein. Diese Überheblichkeit bringt sie dazu, ein Mädchen unbekannter Geburt und niedrigeres soziales Niveaus als Geschütze zu sich zu nehmen und für sie eine günstige Heirat zu finden. Diese unglückliche Entscheidung und die schmerzhaften Folgen, die ihre arme Freundin tragen muss, lassen Emma Demut lernen. Das Bewusstsein der eigenen Fehler und der Preis, den Andere für sie bezahlen müssen, nehmen Emma den schlimmsten Teil ihrer Arroganz und Hochmut weg. Leider bleibt die hartnäckige Überzeugung der eigenen Überlegenheit, die der Hauptfigur selbst die Wahrheit der eigenen Gefühle zu lange versteckt. Trotzdem kann der Leser nur Mitleid mit Emma haben, wenn sie endlich sich selbst deutlich sieht und einen vielleicht zu hohen Preis für ihre Blindheit bezahlen muss. Die zweite Chance, die Austen ihrer Figur verschenkt, verwandelt Emma so sehr, dass die Leser nichts anderes machen können, als ihr ebenfalls zu vergeben. Ich persönlich habe sie tatsächlich vermisst, seitdem ich das Buch zu Ende gelesen habe.

L.O.

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