Archiv für Mai 2008

Toni, der Italiener

Ich glaube, es war vor einer Woche, dass ich im Fernsehen die neue Werbung von Media Markt zum ersten Mal gesehen habe. Schreiende Werbungen wie die letzten von dieser Firma (saubillig…, die härtesten Kunden der Welt…) mag ich prinzipiell nicht. Ich finde sie so störend, nervig und vulgär wie die Zeitung Bild, auf deren ersten Seite immer eine (halb-) nackte Frau steht. Als ich nach ein paar Sekunden bemerkt habe, dass der (eigentlich begabte) Schauspieler von Media Markt diesmal einen Italiener darstellte und zwar den typischen und klischeereichen dummen Kerl, habe ich mich empört. Die erste Reaktion war eben: „Aber warum müssen es immer die Italiener sein?“. Dann habe ich gedacht: „Na gut, wir haben Deutschland bei der letzten WM rausgeschmissen, sie wollten sich vielleicht ein bisschen rächen. Wer würde in Italien über eine Werbung mit einem lustigen Franzosen nicht lachen?“ Am Ende war es aber doch so, dass ich meinem Freund gesagt habe: „Ok, jetzt boykottieren wir Media Markt, solange sie die Werbung nicht ändern.“
Ein paar Tage später habe ich auf der Seite von Repubblica gelesen, dass die Werbung auch in Italien für Erregung gesorgt hatte, und zwar dass die vier Spots als beleidigend für Italien und besonders für die Italiener seien, die in Deutschland wohnen. Sogar einige Politiker haben sich gegen die Werbung ausgesprochen (als ob sie nichts Besseres zu tun hätten). Als endlich der italienische Botschafter in Berlin einen Brief an Media Markt geschrieben hat, wurde einer der vier Spots zurückgezogen.
Was ich jetzt davon halte? Ich finde das alles so nutzlos übertrieben! Jetzt fängt die EM an, alle werden sich wieder für einen Monat nationalistisch fühlen, alle werden für einen Monat alles Mögliche über die Gegner der eigenen Mannschaft denken und sagen und niemand wird sich deswegen beleidigt fühlen. Natürlich ist es nicht besonders raffiniert, diese Stimmung für eine Werbekampagne zu benutzen, aber seit wann sind die Werbekampagnen von Media Markt raffiniert? (saubillig…!) Ich bin davon überzeugt, dass die Italiener, die in Deutschland wohnen und die sich mehrmals pro Tag so was ansehen müssen (im Fernsehen oder als Werbeplakat), dadurch gestört werden können. Aber diejenigen, die in Italien so eine Polemik angefangen und genährt haben, haben wirklich nur Lust darauf, eben eine sinnlose Polemik zu eröffnen. Viel sinnvoller war die Reaktion von Toni (dem echten!), der meinte, wenn Italien gewinnen sollte, dann würde die Werbung einfach Glück gebracht haben. Die Werbung störe ihn nicht, eher lache er herzlich darüber.

L.O.

P.S. Es ist interessant, wie man sich in meinem Land so schnell wegen solcher Sachen beleidigen kann, während andere, für die man sich richtig schämen könnte, überhaupt nicht bemerkt werden.

Emma

Jane Austen hat die Begabung, ihre heutigen Leser langsam in eine ihnen fremde und unbekannte Welt so tief eindringen zu lassen, dass sie sich bald nicht mehr befreien können. Wer sich von der altmodischen und manchmal komplizierten Sprache (die keine Übersetzung vereinfachen darf) und von der anfänglichen Langsamkeit des Plots nicht erschrecken lässt, wird im Laufe der Lektüre in eine Zeit zurückgebracht, die man nie wirklich erlebt hat, aber nichtsdestotrotz Wirklichkeit wird. Mit wenigen, gut ausgewählten Worten kann Austen ihren Hauptfiguren einen sehr lebendigen Charakter geben, der sie für uns unvergesslich macht. Die sekundären Figuren werden ebenfalls scharf gezeichnet. Wenige Autoren in der Geschichte der Literatur konnten die Verwandlungen der menschlichen Seelen in dem Moment ihres Geschehens so genau darstellen und die Gründe des menschlichen Verhaltens so deutlich offenbaren. Es ist diese Fähigkeit, zusammen mit der ironischen Genauigkeit, mit der Austen die Gesellschaft ihrer Zeit porträtiert, die aus ihrem Werk einen Klassiker macht.
„Emma“ fehlt keine dieser Eigenschaften. Sie ist das zweite verwöhnte Mädchen eines hypochondrischen alten Gentlemans, die nach dem Tode ihres Mutters und der Hochzeit ihrer älteren Schwester das Haus seines Vaters regiert. Sie ist klug, gebildet und von ihrer Zugehörigkeit zu einer höheren Klasse sehr bewusst. In ihrem sozialen Umfeld hat sie kaum einen Gleichgestellten, deswegen ist sie entschlossen, nie zu heiraten, und es als ihr Recht und Pflicht empfindet, ihren unglücklicheren (und niedrigeren) Mitmenschen behilflich zu sein. Diese Überheblichkeit bringt sie dazu, ein Mädchen unbekannter Geburt und niedrigeres soziales Niveaus als Geschütze zu sich zu nehmen und für sie eine günstige Heirat zu finden. Diese unglückliche Entscheidung und die schmerzhaften Folgen, die ihre arme Freundin tragen muss, lassen Emma Demut lernen. Das Bewusstsein der eigenen Fehler und der Preis, den Andere für sie bezahlen müssen, nehmen Emma den schlimmsten Teil ihrer Arroganz und Hochmut weg. Leider bleibt die hartnäckige Überzeugung der eigenen Überlegenheit, die der Hauptfigur selbst die Wahrheit der eigenen Gefühle zu lange versteckt. Trotzdem kann der Leser nur Mitleid mit Emma haben, wenn sie endlich sich selbst deutlich sieht und einen vielleicht zu hohen Preis für ihre Blindheit bezahlen muss. Die zweite Chance, die Austen ihrer Figur verschenkt, verwandelt Emma so sehr, dass die Leser nichts anderes machen können, als ihr ebenfalls zu vergeben. Ich persönlich habe sie tatsächlich vermisst, seitdem ich das Buch zu Ende gelesen habe.

L.O.

Harry Potter

Normalerweise versuche ich zu vermeiden, die heutigen Bestseller als Nachmittags- oder Abendslektüre zu wählen. Erstens, weil ich meine „Lesezeit“ lieber für einen Klassiker investiere. Zweitens, weil ich den Gedanken nicht mag, dass die Mode meine Wahl der Bücher beeinflusst. Natürlich gibt es Ausnahmen zu dieser allgemeinen Regel. Eine dieser Ausnahmen ist die Serie von Harry Potter. Die ersten zwei Bände hatte mein Bruder zu Hause und da ich eines Nachmittags auf der Suche nach einem leichten und neuen Buch war, habe ich sie mir von seinem Zimmer ausgeliehen. Es war also ein reines Zufall.
Jetzt möchte ich erklären, warum die Bücher mir gefallen haben und warum ich sie gegen die Anklage verteidige, sie seien banal, kindisch und ohne literarischen Wert.
Wie in fast jeder Serie, wo die Geschichte einer Figur in verschiedenen Bänden erzählt wird, sind die sieben Harry Potter eigentlich ein einziges Werk. Man kann ein einzelnes Band lesen und damit zufrieden sein, weil in jedem Buch ein vollständiges Plot vorhanden ist, aber man kann nicht nur auf dieser Basis die Würdigkeit des Werkes beurteilen. Dafür muss die gesamte Serie in Betracht gezogen werden.
Viele Themen, die in den Verschiedenen Büchern auftauchen, sind keine Neuigkeit in der Literatur. Die Hauptfiguren können sogar als Stereotypen betrachtet werden: Harry, das nette und unglückliche Waisenkind, Hermine, die fleißige Schülerin, die aber keine Angst vor Abenteuer hat, Ron, der ungeschickte aber treue beste Freund, McGonagall, die strenge Lehrerin mit dem großen Herzen, Dumbledore, der idealisierte Lehrer. Es stimmt, dass Rowling alte Themen der Literatur benutzt hat. Aber das ist erlaubt. Ein gutes Buch muss nicht unbedingt ein Buch sein, in dem alles unerhört ist. Es kommt vielmehr darauf an, wie man schon vorhandenes Material in eine neue, interessante Art und Weise harmonisiert.
Zur zweiten Anklage, zwar dass es sich um einfache Kinderbücher handelt, ist es notwendig zu präzisieren, dass ein Kinderbuch nicht weniger ein literarisches Werk als ein Roman oder ein Gedicht ist. Warum sollten Kinderbücher eine niedrigere Herausforderung für einen Autor sein? Sind nicht vielleicht die Geschichten von Beatrix Potter als Meisterwerk der englischen Literatur betrachtet? Trotzdem möchte ich darauf hinweisen, dass nicht alle Bände von Harry Potter als Kinderbücher betrachtet werden können. Die Figuren werden langsam erwachsen im Laufe der Geschichte und das Plot –wenn nicht der Stil– passt sich an diesen Veränderungen an. Nicht nur wird die Stimmung dunkler, wie viele Rezensenten bemerkt haben, sondern erinnern manche Themen an Problematiken, die gar nicht kindisch sind: Die Besessenheit für das reine Blut, die die Zugehörigkeit zu einer höheren Rasse bestimmt, der Angst vor dem Tod, die Mut, dem Verantwortungsgefühl nicht auszuweichen, die Bereitschaft, sich für Andere zu opfern.
Was den angeblich mangelnden literarischen Wert betrifft, kann ich nur sagen, dass jeder Leser das Recht hat (cfr. Pennac, Comme un roman, 1992), alles zu lesen, was ihm Freude gibt. Bevor ich angefangen habe, Harry Potter zu lesen, war es eine lange Zeit, dass ich mein Zimmer betreten hatte, ohne das Buch auf dem Nachttisch als Erstes zu sehen; dass ich fünf Stunden lang gelesen habe, ohne einmal auf die Uhr zu schauen; dass ich das vage Gefühl hatte, was Schönes vor zu haben, und dann mich erinnert habe, dass ich noch am Abend ein paar Hunderte Seiten lesen konnte. Andere können strengere Kriterien haben, um das „literarische Wert“ zu definieren, was ich auch verstehe, wenn es um die hohe Literatur geht. Aber was die Bücher betrifft, die ich nicht am Schreibtisch lese, sondern auf dem Sofa oder im Bett, reicht es mir.

L.O.

P.S.: ich glaube wirklich, dass man diese Bücher in der Originalsprache lesen soll. Obwohl die Übersetzungen oft ziemlich gut sind, das Englische gibt einfach ein ganz anderes Gefühl.


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