Die “bedeckte” Wahrheit

Italien ist ein Land der Kultur und der Kunst, unsere Museen sind voll mit Meisterwerken aller Zeiten. Möglicherweise ist es eine der Sachen, worauf wir stolz sein können, und ich freue mich darüber, obwohl ich keine besondere Kunstliebhaberin oder -expertin bin. Der aktuelle italienische Premierminister hat ebenfalls in diesem kulturellen Vermögen ein Reichtum erkannt und hat ein Gemälde von Tiepolo (1696-1770) als Hintergrund für seine Pressekonferenzen in Palazzo Chigi gewählt. Das Gemälde heißt “La verità svelata dal tempo” und stellt Wahrheit dar, die von der Zeit aufgedeckt, bzw. enthüllt ist. Das Thema hat eine klare allegorische Bedeutung, was in dem 18. Jahrhundert nicht selten war, und eben die allegorische Interpretation kann der Grund für die Wahl des Gemäldes als Hintergrund gewesen sein. Wie sollen wir dann die Tatsache verstehen, dass nach wenigen Tagen die Nacktheit der armen Wahrheit mit einem BH bedeckt worden ist? Natürlich lautet die offizielle Version, dass man auf die Gefühle der Zuschauer Rücksicht nehmen wollte, sprich dass das Gesicht von unserem Ministerpräsident nicht neben einer nackten Brust erscheinen sollte. Manche haben einen interessanten Widerspruch bemerkt zwischen dieser rücksichtvollen Maßnahme und all die halbnackten Mädchen, die in Hülle und Fülle die meisten Fernsehprogramme der Sender des Premierministers bevölkern. Noch interessanter ist die Interpretation im allegorischen Sinne, die auf dem Auftauchen dieses BHs basiert: Tiepolo hat die Wahrheit aufgedeckt, die italienische Regierung hat dagegen gedacht, dass es besser war, sie wieder zu bedecken.

L.O.

Tupperware e competenze linguistiche

Chi mi conosce sa che nel mio DNA ci deve essere qualche gene tedesco, altrimenti non si spiega perché da piccola passassi il tempo a riordinare le posate e i tupperware di mia nonna a seconda di tipo, forma e colore. Ora che sono nella mia “patria spirituale” posso crogiolarmi nei formular della burocrazia germanica e compilarne uno al giorno. Purtroppo quando le cose si fanno serie, cioé ci sono di mezzo i soldi, i miei geni italiani si ribellano all´insensata astrusità regolamentare che si frappone fra me e mille euro al mese. La fondazione che sto cercando di convincere a finanziarmi il dottorato vuole un chilo e mezzo di scartoffie varie, tra cui le prove del mio impegno socio-politico-ecologico-culturale, delle mie straordinarie prestazioni intellettuali, dell´originalità e irrinunciabilità del mio proposito scientifico e, ovviamente, delle mie competenze linguistiche, il tutto in triplice copia. Al che verrebbe da dire, visto che ho iniziato da tre mesi un dottorato in germanistica, l´ultimo problema sono le cavolo di competenze linguistiche, anche perché con questi della fondazione ci devo fare prossimamente un colloquio di un´ora e se non spiccicassi una parola di tedesco non sarebbe difficile smascherarmi. E invece no, bisogna avere uno zeugnis officiale e controfirmato altrimenti la tua pratica non è completa e te la rimandano indietro con qualche insulto. Magari si può cercare aiuto all´università, fare un qualsiasi esame di tedesco e procurarsi così un qualsiasi attestato di competenza linguistica. E invece no: gli esami si fanno solo nella sessione estiva e solo se ci si è iscritti ad aprile, sempre che per il suddetto esame ci siano ancora posti.
Insomma, a quanto pare nonostante i tupperware ho ancora parecchio da imparare.

L.O.

Zwillinge

In Berlin wurden am 11. Juli Zwillinge geboren, deren Mutter aus Ghana und deren Vater aus Deutschland kommt. Die Mischung zweier Kulturen und Sprachen innerhalb eines Paars ist von selber eine schöne Erfahrung für diejenigen, die das Glück haben, so was zu erleben. Die Kinder eines solchen Paars erleben dieses Reichtum ebenfalls am eigenen Leibe, indem sie die Möglichkeit haben, zwei verschiedene Welte kennenzulernen. Sehr selten ist aber, dass die Besonderheit dieser Beziehung in den Kindern so sichtbar wird: Von den Berliner Zwillingen hat einer die helle Hautfarbe des Vaters und der andere die dunkle der Mutter bekommen! Angeblich stehen die Chance für eine solche Kombination bei eins zu einer Million… Diese Kinder können beweisen, dass die Hautfarbe wirklich nicht wichtiger als die Haarfarbe ist, und ich finde es sehr schön, dass sie diese Möglichkeit haben.

Northanger Abbey

Northanger Abbey ist anders als die anderen Werke Austens. Der Ton ist leichter und das Thema ist ebenfalls weniger anspruchsvoll. Hier gibt es keine großen moralischen Fragen, wie in Pride and Prejudice, Sense and Sensibility oder Persuasion. Vielmehr gibt es Ironie und einfache Liebe. Die Hauptfigur Catherine Morland ist alles andere als eine Heroine. Obwohl ihr Charakter und ihre Gesinnung im Laufe der ersten Kapitel sich deutlich verbessern, erreicht sie nie die Höhe einer Emma Woodhouse oder einer Elizabeth Bennet. Sie bleibt einfach und natürlich und kann weder die Konventionen der eleganten Gesellschaft noch den wirklichen Wert ihrer Freunde verstehen. Sie vertraut allen und befindet sich deswegen oft in Schwierigkeiten. Ihre Leidenschaft für gotische Romane und das Ausmaß, in dem sie ihre Phantasie beherrschen, zeugen von der Einfachheit ihres Geistes.
Catherine verbringt einige Wochen in Bath als Gast von Mr. und Mrs. Allen, die keine Kinder haben und sich über die Gesellschaft ihrer jungen Freundin freuen. Dort lernt Catherine die Familie Thorpe kennen. Mit Isabella Thorpe schließt sie sofort eine enge Freundschaft und ebenso schnell wird sie die Liebling von dem jungen Mr. Thorpe. Während Catherine die Beziehung zu Isabella sehr hoch schätzt, kann sie bald ihren arroganten und egozentrischen Bruder nicht mehr leiden. Ihre Unduldsamkeit ihm gegenüber verstärkt sich, wenn Catherine den jungen Henry Tilney kennen lernt. Die unverschämte Art und Weise, in der John Thorpe versucht, Catherine von ihrem beliebten Tilney fern zu halten, kann nichts gegen die immer enger werdende Beziehung zwischen Tilneys Schwester, Eleanor, und Catherine. Obwohl Catherine sich sehr freut, dass ihr Bruder James sich mit Isabella Thorpe verlobt hat, kommt ihre wahre Freude von einer Einladung zu Northanger Abbey bei der Familie Tilney. Neben der Möglichkeit, Zeit mit ihrem Henry zu verbringen, ist die reine Tatsache, dass Northanger eine Abbey ist, und nicht ein House, Park oder Mansion, ein Grund der Ekstase für Catherine. Sie stellt sich ein Gebäude vor, das alle Merkmale derjenigen hat, die sie von ihren gotischen Romanen kennt, also geheimnisvoll, gefährlich, baufällig und reich an alten Geschichten. Ihre Enttäuschung bei ihrer Ankunft hindert sie nicht daran, ein vermeintliches Geheimnis in dem Leben von Henrys Vater, General Tilney, und besonders in dem frühen Tod seiner Frau lüften zu wollen. Erst ein Gespräch mit Henry kann Catherine zurück zur Rationalität bringen. Am Ende erweist sich aber, dass General Tilney kein guter Mensch ist, obwohl er doch seine Frau nicht umgebracht hat. Catherine wird von der Abbey ohne Zeremonie und ohne Erklärungen zurückgewiesen. Ein Besuch von Henry Tilney macht alles wieder gut, sogar besser als sie erwartet hatte, und der Roman endet mit der üblichen Hochzeit.
Besonders lustig wird die Figur von John Thorpe, einmal dass man das Ende des Romans kennt, weil Vieles erst durch die Erzählung von Henry dem Leser und Catherine bekannt wird. Man lacht „weiter“, auch wenn man das Buch schon geschlossen hat.

L.O.

Die Rückkehr des Kaimans

Nicht viele Deutsche, ich glaube, kümmern sich um die italienische Politik, besonders wenn sie sich um die italienische Fußballmannschaft kümmern müssen. Dagegen möchten die Italiener sich nur um ihre Fußballmannschaft kümmern müssen, weil ihr Land mittlerweile zugrunde geht. Seit zwei Monaten haben wir einen neuen Premierminister und schon ist das Land kaum erkennbar, und nicht im guten Sinne. Das Problem der Müllentsorgung in Neapel wird durch ein paar neue Mülldeponien gelöst, die von bewaffneten Soldaten bewacht werden. Nach Italien einzuwandern, weil man im eigenen Land nichts zum essen hat, ist eine Straftat geworden. Statt von erneuerbaren Energien, die die Erde schonen, investieren wir in Atomkraftwerke, in der Hoffnung, dass sie nicht explodieren.
Aber erst jetzt ist die neue Regierung wieder als die Fortsetzung derjenigen erkennbar, die als einzige in der Geschichte der italienischen Republik nicht vorzeitig gefallen ist. Die Sache ist, dass die Justiz in Italien viel zu langsam ist und manchmal Jahre notwendig sind, um in einem Prozess zu einem Urteil zu kommen. Zum Glück hat unserer neue Regierungschef eine Idee gehabt: die Regierung vorbereitet eine Liste der wichtigen Prozesse, die sofort durchgeführt werden müssen, und die anderen können warten. Es ist bestimmt ein Zufall, dass ein Verfahren gegen den Premierminister selbst zu dieser zweiten Kategorie gehört. Eigentlich ist es nichts Wichtiges: es geht nur um Bestechung in einem Prozess. Viel schlimmer ist der Versuch von einigen “roten” Justizbeamten, ihn zu blamieren, so dass er im Jahre 2013 nicht als Staatspräsident gewählt werden kann. Klar, immer wenn er zuerst eine schöne Reform durchsetzen kann, die Italien zu einer Präsidialrepublik macht.
Straffreiheit des Premierministers und Soldatenpatrouillen auf den Strassen… das ist doch schon irgendwann passiert, oder?

L.O.

Persuasion

Die Kraft und die Zulässigkeit der Überredung sind das Hauptthema von Persuasion. In welchen Fällen ist es erlaubt, sogar notwendig, jemanden zu überreden? Wer jemanden von etwas überzeugt oder abbringt, soll sich bewusst sein, dass davon eine Verantwortung kommt, der man nicht ausweichen kann.
Hauptfigur von Persuasion ist Anne Elliott, die zweite, schon 26-jährige Tochter eines aufgeblasenen, selbstgefälligen Gentlemans. Die Vorliebe des Vaters genießt Annes ältere Schwester Elizabeth, weil sie die erste und die schönste ist. Die jüngste Schwester, Mary, hat ebenfalls einen wichtigen Vorsprung, in dem sie einen ziemlich reichen Mann geheiratet hat. Anne wird dagegen nicht als ein gleichberechtigtes Mitglied ihrer Familie betrachtet, obwohl sie von der Familie ihres Schwagers und vor allem von der Freundin ihrer Familie, Lady Russell, geschätzt und herzlich geliebt wird. Für Anne ist die Blütezeit schon vergangen und ihr Verstand, Besonnenheit und Empfindlichkeit können in den Augen vieler nicht ihre Temperamentlosigkeit und die mangelhafte Jugendfrische ausgleichen. Doch wird es bald klar, dass etwas mit Anne nicht stimmt. Man kann eine moralische Kraft in ihr entdecken, die nur aus einer persönlichen Erfahrung stammen kann, die wiederum für ihren aktuellen Zustand verantwortlich ist. Der Grund ihrer Unglücklichkeit liegt nämlich in der Lösung einer geheimen Verlobung mit einem jungen Mann, die von Annes Familie und besonders von Lady Russell als unratsam betrachtet wurde, weil er Anne keine ökonomische Sicherheit anbieten konnte. Das alles wird erst klar, als der ehemalige Verlobte, Captain Wenthworth, als Bekannte der Familie von Annes Schwager wieder auftaucht.
Acht Jahre sind vergangen aber Anne merkt bald, dass ihre alten Gefühle immer stärker werden, bis es ihr klar wird, dass sie ihn immer noch liebt. Er dagegen scheint sich für eine Schwester von Annes Schwager zu interessieren. Er verliert keine Gelegenheit, um den entschiedenen, konstanten und unbeeinflussbaren Charakter dieses Mädchens zu loben. Die ständige Kritik ist nur für Anne zu verstehen, weil es nur den beiden bekannt ist, dass sie die Verlobung wegen des Druckes von Lady Russell gelöst hat. Niemand merkt Annes Leiden und ihren Versuch, zu akzeptieren, dass er eine andere liebt und wahrscheinlich heiraten wird, weil er jetzt reich und angesehen ist.
Anne zieht mit ihrer Familie nach Bath, wo aber nach einiger Zeit auch Captain Wenthworth erscheint, zusammen mit der Familie des Mädchens, die er angeblich liebt. Aber bald wird es bekannt, dass sie mit einem anderen verlobt ist. Der Leser kann jetzt nur Furcht und Mitleid mit Anne haben, deren Freude oder Verzweiflung an jeder winzigen Änderung von Wenthworths Verhalten hängt. Man fürchtet, dass die vermeintliche Höflichkeit, mit der sich Wenthworth jetzt an Anne wendet, nur ein Produkt ihrer Vorstellungskraft ist und die Ursache weiteren Leidens sein wird. Aber, wie es oft in Austens Bücher passiert, kommt die Lösung von selber. Die Szene ist einfach wunderschön. Anne steht am Fenster und redet mit einem Freund von Wenthworth, Captain Harville. Wenthworth sitzt an einem Tisch am anderen Ende des Zimmers und schreibt einen geschäftlichen Brief. Sie ist sicher, dass er zu weit ist, um ihr Gespräch zu hören. Das Thema des Gesprächs ist die Konstanz in der Liebe. Anne vertritt die Meinung, dass es in der Natur der Frauen ist, länger und konstanter zu lieben, besonders wenn die Hoffnung auf das Liebesglück wegen einer endgültigen Trennung oder des Todes des Geliebten nicht mehr besteht. Sie verrät nicht das Geheimnis ihrer gelösten Verlobung, aber spricht mit einer Überzeugung, die Wenthworth -der natürlich doch alles hören kann- genügt, um ihre wahren Gefühle zu verstehen. Plötzlich verlässt er das Zimmer aber lässt den Brief auf dem Tisch, wo Anne ihn findet. Während alle geglaubt haben, dass er einen geschäftlichen Brief schrieb, hat er eigentlich das Gespräch von Anne mit Harville zugehört und zu jedem ihrer Sätze geantwortet. Das Resultat ist eine der schönsten Liebeserklärung, die ich je gelesen habe.

L.O.

Toni, der Italiener

Ich glaube, es war vor einer Woche, dass ich im Fernsehen die neue Werbung von Media Markt zum ersten Mal gesehen habe. Schreiende Werbungen wie die letzten von dieser Firma (saubillig…, die härtesten Kunden der Welt…) mag ich prinzipiell nicht. Ich finde sie so störend, nervig und vulgär wie die Zeitung Bild, auf deren ersten Seite immer eine (halb-) nackte Frau steht. Als ich nach ein paar Sekunden bemerkt habe, dass der (eigentlich begabte) Schauspieler von Media Markt diesmal einen Italiener darstellte und zwar den typischen und klischeereichen dummen Kerl, habe ich mich empört. Die erste Reaktion war eben: „Aber warum müssen es immer die Italiener sein?“. Dann habe ich gedacht: „Na gut, wir haben Deutschland bei der letzten WM rausgeschmissen, sie wollten sich vielleicht ein bisschen rächen. Wer würde in Italien über eine Werbung mit einem lustigen Franzosen nicht lachen?“ Am Ende war es aber doch so, dass ich meinem Freund gesagt habe: „Ok, jetzt boykottieren wir Media Markt, solange sie die Werbung nicht ändern.“
Ein paar Tage später habe ich auf der Seite von Repubblica gelesen, dass die Werbung auch in Italien für Erregung gesorgt hatte, und zwar dass die vier Spots als beleidigend für Italien und besonders für die Italiener seien, die in Deutschland wohnen. Sogar einige Politiker haben sich gegen die Werbung ausgesprochen (als ob sie nichts Besseres zu tun hätten). Als endlich der italienische Botschafter in Berlin einen Brief an Media Markt geschrieben hat, wurde einer der vier Spots zurückgezogen.
Was ich jetzt davon halte? Ich finde das alles so nutzlos übertrieben! Jetzt fängt die EM an, alle werden sich wieder für einen Monat nationalistisch fühlen, alle werden für einen Monat alles Mögliche über die Gegner der eigenen Mannschaft denken und sagen und niemand wird sich deswegen beleidigt fühlen. Natürlich ist es nicht besonders raffiniert, diese Stimmung für eine Werbekampagne zu benutzen, aber seit wann sind die Werbekampagnen von Media Markt raffiniert? (saubillig…!) Ich bin davon überzeugt, dass die Italiener, die in Deutschland wohnen und die sich mehrmals pro Tag so was ansehen müssen (im Fernsehen oder als Werbeplakat), dadurch gestört werden können. Aber diejenigen, die in Italien so eine Polemik angefangen und genährt haben, haben wirklich nur Lust darauf, eben eine sinnlose Polemik zu eröffnen. Viel sinnvoller war die Reaktion von Toni (dem echten!), der meinte, wenn Italien gewinnen sollte, dann würde die Werbung einfach Glück gebracht haben. Die Werbung störe ihn nicht, eher lache er herzlich darüber.

L.O.

P.S. Es ist interessant, wie man sich in meinem Land so schnell wegen solcher Sachen beleidigen kann, während andere, für die man sich richtig schämen könnte, überhaupt nicht bemerkt werden.

Emma

Jane Austen hat die Begabung, ihre heutigen Leser langsam in eine ihnen fremde und unbekannte Welt so tief eindringen zu lassen, dass sie sich bald nicht mehr befreien können. Wer sich von der altmodischen und manchmal komplizierten Sprache (die keine Übersetzung vereinfachen darf) und von der anfänglichen Langsamkeit des Plots nicht erschrecken lässt, wird im Laufe der Lektüre in eine Zeit zurückgebracht, die man nie wirklich erlebt hat, aber nichtsdestotrotz Wirklichkeit wird. Mit wenigen, gut ausgewählten Worten kann Austen ihren Hauptfiguren einen sehr lebendigen Charakter geben, der sie für uns unvergesslich macht. Die sekundären Figuren werden ebenfalls scharf gezeichnet. Wenige Autoren in der Geschichte der Literatur konnten die Verwandlungen der menschlichen Seelen in dem Moment ihres Geschehens so genau darstellen und die Gründe des menschlichen Verhaltens so deutlich offenbaren. Es ist diese Fähigkeit, zusammen mit der ironischen Genauigkeit, mit der Austen die Gesellschaft ihrer Zeit porträtiert, die aus ihrem Werk einen Klassiker macht.
„Emma“ fehlt keine dieser Eigenschaften. Sie ist das zweite verwöhnte Mädchen eines hypochondrischen alten Gentlemans, die nach dem Tode ihres Mutters und der Hochzeit ihrer älteren Schwester das Haus seines Vaters regiert. Sie ist klug, gebildet und von ihrer Zugehörigkeit zu einer höheren Klasse sehr bewusst. In ihrem sozialen Umfeld hat sie kaum einen Gleichgestellten, deswegen ist sie entschlossen, nie zu heiraten, und es als ihr Recht und Pflicht empfindet, ihren unglücklicheren (und niedrigeren) Mitmenschen behilflich zu sein. Diese Überheblichkeit bringt sie dazu, ein Mädchen unbekannter Geburt und niedrigeres soziales Niveaus als Geschütze zu sich zu nehmen und für sie eine günstige Heirat zu finden. Diese unglückliche Entscheidung und die schmerzhaften Folgen, die ihre arme Freundin tragen muss, lassen Emma Demut lernen. Das Bewusstsein der eigenen Fehler und der Preis, den Andere für sie bezahlen müssen, nehmen Emma den schlimmsten Teil ihrer Arroganz und Hochmut weg. Leider bleibt die hartnäckige Überzeugung der eigenen Überlegenheit, die der Hauptfigur selbst die Wahrheit der eigenen Gefühle zu lange versteckt. Trotzdem kann der Leser nur Mitleid mit Emma haben, wenn sie endlich sich selbst deutlich sieht und einen vielleicht zu hohen Preis für ihre Blindheit bezahlen muss. Die zweite Chance, die Austen ihrer Figur verschenkt, verwandelt Emma so sehr, dass die Leser nichts anderes machen können, als ihr ebenfalls zu vergeben. Ich persönlich habe sie tatsächlich vermisst, seitdem ich das Buch zu Ende gelesen habe.

L.O.

Harry Potter

Normalerweise versuche ich zu vermeiden, die heutigen Bestseller als Nachmittags- oder Abendslektüre zu wählen. Erstens, weil ich meine „Lesezeit“ lieber für einen Klassiker investiere. Zweitens, weil ich den Gedanken nicht mag, dass die Mode meine Wahl der Bücher beeinflusst. Natürlich gibt es Ausnahmen zu dieser allgemeinen Regel. Eine dieser Ausnahmen ist die Serie von Harry Potter. Die ersten zwei Bände hatte mein Bruder zu Hause und da ich eines Nachmittags auf der Suche nach einem leichten und neuen Buch war, habe ich sie mir von seinem Zimmer ausgeliehen. Es war also ein reines Zufall.
Jetzt möchte ich erklären, warum die Bücher mir gefallen haben und warum ich sie gegen die Anklage verteidige, sie seien banal, kindisch und ohne literarischen Wert.
Wie in fast jeder Serie, wo die Geschichte einer Figur in verschiedenen Bänden erzählt wird, sind die sieben Harry Potter eigentlich ein einziges Werk. Man kann ein einzelnes Band lesen und damit zufrieden sein, weil in jedem Buch ein vollständiges Plot vorhanden ist, aber man kann nicht nur auf dieser Basis die Würdigkeit des Werkes beurteilen. Dafür muss die gesamte Serie in Betracht gezogen werden.
Viele Themen, die in den Verschiedenen Büchern auftauchen, sind keine Neuigkeit in der Literatur. Die Hauptfiguren können sogar als Stereotypen betrachtet werden: Harry, das nette und unglückliche Waisenkind, Hermine, die fleißige Schülerin, die aber keine Angst vor Abenteuer hat, Ron, der ungeschickte aber treue beste Freund, McGonagall, die strenge Lehrerin mit dem großen Herzen, Dumbledore, der idealisierte Lehrer. Es stimmt, dass Rowling alte Themen der Literatur benutzt hat. Aber das ist erlaubt. Ein gutes Buch muss nicht unbedingt ein Buch sein, in dem alles unerhört ist. Es kommt vielmehr darauf an, wie man schon vorhandenes Material in eine neue, interessante Art und Weise harmonisiert.
Zur zweiten Anklage, zwar dass es sich um einfache Kinderbücher handelt, ist es notwendig zu präzisieren, dass ein Kinderbuch nicht weniger ein literarisches Werk als ein Roman oder ein Gedicht ist. Warum sollten Kinderbücher eine niedrigere Herausforderung für einen Autor sein? Sind nicht vielleicht die Geschichten von Beatrix Potter als Meisterwerk der englischen Literatur betrachtet? Trotzdem möchte ich darauf hinweisen, dass nicht alle Bände von Harry Potter als Kinderbücher betrachtet werden können. Die Figuren werden langsam erwachsen im Laufe der Geschichte und das Plot –wenn nicht der Stil– passt sich an diesen Veränderungen an. Nicht nur wird die Stimmung dunkler, wie viele Rezensenten bemerkt haben, sondern erinnern manche Themen an Problematiken, die gar nicht kindisch sind: Die Besessenheit für das reine Blut, die die Zugehörigkeit zu einer höheren Rasse bestimmt, der Angst vor dem Tod, die Mut, dem Verantwortungsgefühl nicht auszuweichen, die Bereitschaft, sich für Andere zu opfern.
Was den angeblich mangelnden literarischen Wert betrifft, kann ich nur sagen, dass jeder Leser das Recht hat (cfr. Pennac, Comme un roman, 1992), alles zu lesen, was ihm Freude gibt. Bevor ich angefangen habe, Harry Potter zu lesen, war es eine lange Zeit, dass ich mein Zimmer betreten hatte, ohne das Buch auf dem Nachttisch als Erstes zu sehen; dass ich fünf Stunden lang gelesen habe, ohne einmal auf die Uhr zu schauen; dass ich das vage Gefühl hatte, was Schönes vor zu haben, und dann mich erinnert habe, dass ich noch am Abend ein paar Hunderte Seiten lesen konnte. Andere können strengere Kriterien haben, um das „literarische Wert“ zu definieren, was ich auch verstehe, wenn es um die hohe Literatur geht. Aber was die Bücher betrifft, die ich nicht am Schreibtisch lese, sondern auf dem Sofa oder im Bett, reicht es mir.

L.O.

P.S.: ich glaube wirklich, dass man diese Bücher in der Originalsprache lesen soll. Obwohl die Übersetzungen oft ziemlich gut sind, das Englische gibt einfach ein ganz anderes Gefühl.

Berliner Ensemble

Bertolt Brecht und William Shakespeare sind die Begleiter unseres heutigen Theaterabends. Nach drei Monaten in Berlin leisten wir uns einen Besuch im historischen Brecht-Theater am Schiffbauerdamm, das ein beinahe magisches Ort ist, für diejenige, die das Theater und die Literatur lieben. Der Autor ist Shakespeare, das Stück ist Richard II

William Shakespeare
RICHARD II.
Eine Tragödie

Richard, König von England, hat sein Land herabgewirtschaftet, die Kassen sind leer, der Staat ein sinkendes Schiff. Seine korrupten Höflinge fallen von ihm ab. Richard verbannt seinen Cousin Bolingbroke aus England und bringt ihn um sein Erbe. Bolingbroke kehrt aus dem Exil zurück - fordert sein Recht. Der neue ‘Saubermann’ entfesselt Bürgerkrieg. Im Untergang reflektiert Richard II. Über sein Scheitern und die Grenzen politischer Macht. Er wird “zum Menschen”. Bolinbroke wird Heinrich IV., aber auch ihn beginnt die Macht zu zerstören. Im letzten Akt rollen die Köpfe, neue Bürokraten des Todes übernehmen die Regierung. Richard II., letzter degenerierter Vertreter eines gottgesalbten Königtums, wird im Tower gekillt. Shakespeares Tragödie in einer neuen Übersetzung des Berliner Dramatikers Thomas Brasch.

L.O.

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