Normalerweise versuche ich zu vermeiden, die heutigen Bestseller als Nachmittags- oder Abendslektüre zu wählen. Erstens, weil ich meine „Lesezeit“ lieber für einen Klassiker investiere. Zweitens, weil ich den Gedanken nicht mag, dass die Mode meine Wahl der Bücher beeinflusst. Natürlich gibt es Ausnahmen zu dieser allgemeinen Regel. Eine dieser Ausnahmen ist die Serie von Harry Potter. Die ersten zwei Bände hatte mein Bruder zu Hause und da ich eines Nachmittags auf der Suche nach einem leichten und neuen Buch war, habe ich sie mir von seinem Zimmer ausgeliehen. Es war also ein reines Zufall.
Jetzt möchte ich erklären, warum die Bücher mir gefallen haben und warum ich sie gegen die Anklage verteidige, sie seien banal, kindisch und ohne literarischen Wert.
Wie in fast jeder Serie, wo die Geschichte einer Figur in verschiedenen Bänden erzählt wird, sind die sieben Harry Potter eigentlich ein einziges Werk. Man kann ein einzelnes Band lesen und damit zufrieden sein, weil in jedem Buch ein vollständiges Plot vorhanden ist, aber man kann nicht nur auf dieser Basis die Würdigkeit des Werkes beurteilen. Dafür muss die gesamte Serie in Betracht gezogen werden.
Viele Themen, die in den Verschiedenen Büchern auftauchen, sind keine Neuigkeit in der Literatur. Die Hauptfiguren können sogar als Stereotypen betrachtet werden: Harry, das nette und unglückliche Waisenkind, Hermine, die fleißige Schülerin, die aber keine Angst vor Abenteuer hat, Ron, der ungeschickte aber treue beste Freund, McGonagall, die strenge Lehrerin mit dem großen Herzen, Dumbledore, der idealisierte Lehrer. Es stimmt, dass Rowling alte Themen der Literatur benutzt hat. Aber das ist erlaubt. Ein gutes Buch muss nicht unbedingt ein Buch sein, in dem alles unerhört ist. Es kommt vielmehr darauf an, wie man schon vorhandenes Material in eine neue, interessante Art und Weise harmonisiert.
Zur zweiten Anklage, zwar dass es sich um einfache Kinderbücher handelt, ist es notwendig zu präzisieren, dass ein Kinderbuch nicht weniger ein literarisches Werk als ein Roman oder ein Gedicht ist. Warum sollten Kinderbücher eine niedrigere Herausforderung für einen Autor sein? Sind nicht vielleicht die Geschichten von Beatrix Potter als Meisterwerk der englischen Literatur betrachtet? Trotzdem möchte ich darauf hinweisen, dass nicht alle Bände von Harry Potter als Kinderbücher betrachtet werden können. Die Figuren werden langsam erwachsen im Laufe der Geschichte und das Plot –wenn nicht der Stil– passt sich an diesen Veränderungen an. Nicht nur wird die Stimmung dunkler, wie viele Rezensenten bemerkt haben, sondern erinnern manche Themen an Problematiken, die gar nicht kindisch sind: Die Besessenheit für das reine Blut, die die Zugehörigkeit zu einer höheren Rasse bestimmt, der Angst vor dem Tod, die Mut, dem Verantwortungsgefühl nicht auszuweichen, die Bereitschaft, sich für Andere zu opfern.
Was den angeblich mangelnden literarischen Wert betrifft, kann ich nur sagen, dass jeder Leser das Recht hat (cfr. Pennac, Comme un roman, 1992), alles zu lesen, was ihm Freude gibt. Bevor ich angefangen habe, Harry Potter zu lesen, war es eine lange Zeit, dass ich mein Zimmer betreten hatte, ohne das Buch auf dem Nachttisch als Erstes zu sehen; dass ich fünf Stunden lang gelesen habe, ohne einmal auf die Uhr zu schauen; dass ich das vage Gefühl hatte, was Schönes vor zu haben, und dann mich erinnert habe, dass ich noch am Abend ein paar Hunderte Seiten lesen konnte. Andere können strengere Kriterien haben, um das „literarische Wert“ zu definieren, was ich auch verstehe, wenn es um die hohe Literatur geht. Aber was die Bücher betrifft, die ich nicht am Schreibtisch lese, sondern auf dem Sofa oder im Bett, reicht es mir.
L.O.
P.S.: ich glaube wirklich, dass man diese Bücher in der Originalsprache lesen soll. Obwohl die Übersetzungen oft ziemlich gut sind, das Englische gibt einfach ein ganz anderes Gefühl.